Branche
5 Fälle

KI in der Kanzlei und in der Steuerberatung

KI in der Kanzlei übernimmt nicht die rechtliche Würdigung, sondern das Aufbereiten davor: Sachverhalte aus der Akte ordnen, Schriftsätze der Gegenseite zusammenfassen, Belege sortieren. Für Anwälte, Notare, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gelten dabei eigene Vorschriften, die über den Datenschutz hinausgehen. Bei jedem Fall steht, auf welcher Stufe er laufen darf.

Aus dem Alltag

Montag, 8:30 Uhr

Im Posteingang liegt ein Schriftsatz der Gegenseite, achtzehn Seiten, eingegangen Freitagnachmittag. Die Frist läuft in zwölf Tagen. Bevor irgendetwas Rechtliches gedacht werden kann, muss der Vortrag durchgearbeitet, mit der eigenen Akte abgeglichen und in eine Chronologie gebracht werden. Das sind zwei Stunden, in denen niemand berät.

KI in der Kanzlei bereitet Schriftsätze auf und durchsucht Altakten. Auf einem Schreibtisch liegt ein aufgeschlagener Aktenordner mit Füller, dahinter ein Regal mit Ordnern. (KI-generierte Illustration)
Aktenarbeit in einer Kanzlei

Diese zwei Stunden sind der Teil, den KI verkürzt. Nicht die Würdigung, nicht die Strategie, nicht die Entscheidung, welcher Vortrag bestritten wird. Sondern das Ordnen dessen, was ohnehin in der Akte steht.

Der zweite große Block ist das Wiederfinden. Ein vergleichbarer Fall wurde vor drei Jahren geführt, die damalige Argumentation stünde noch, aber niemand weiß mehr, unter welchem Aktenzeichen. Wie sich das lösen lässt, steht unter Wissen sichern.

Warum hier zwei Regelwerke gelten

Zuerst
die Grenze

Der Auftragsverarbeitungsvertrag regelt den Datenschutz. Das Mandatsgeheimnis steht im Strafgesetzbuch und im Berufsrecht.

Wer einem externen Dienstleister Zugriff auf Mandatsinhalte gibt, offenbart ein Privatgeheimnis. § 203 Abs. 3 StGB lässt das gegenüber mitwirkenden Personen zu, verlangt aber deren ausdrückliche und förmliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit, einschließlich Belehrung über die strafrechtlichen Folgen. Nach Absatz 4 macht sich der Dienstleister bei einem Verstoß selbst strafbar.

Dazu kommt das Berufsrecht. § 43e der Bundesrechtsanwaltsordnung regelt im Einzelnen, wie Dienstleister ausgewählt, angewiesen und kontrolliert werden müssen. Entsprechende Vorschriften gibt es über § 62a Steuerberatungsgesetz, § 26a Bundesnotarordnung, § 50a Patentanwaltsordnung und § 55a Wirtschaftsprüferordnung.

Für die Werkzeugwahl heißt das: Stufe 1 fällt für alles mit Mandatsbezug aus, solange der Anbieter die Verpflichtung nicht unterschreibt. In der Strafverteidigung kommt Art. 10 DSGVO hinzu, dort rate ich ausschließlich zur Verarbeitung im eigenen Haus. Die vollständige Einordnung steht im Artikel KI und Schweigepflicht.

Fünf Anwendungsfälle

Aufgabe
Heute
Mit KI

Die Zeitwerte sind Richtwerte und keine Zusage. Was in Ihrer Kanzlei herauskommt, beziffert die KI-Potenzialanalyse an Ihren eigenen Vorgängen.

  • Fall 01

    Gegnerischen Schriftsatz aufbereiten

    Heute
    Achtzehn Seiten werden gelesen, markiert und mit der eigenen Akte abgeglichen. Daraus entsteht von Hand eine Übersicht, was vorgetragen wird, was neu ist und was bereits bestritten wurde. Gut zwei Stunden.
    Mit KI
    Der Schriftsatz wird gegen die Akte gelesen. Sie erhalten eine Chronologie, eine Gegenüberstellung von neuem und bekanntem Vortrag und die Fundstellen dazu. Was davon rechtlich trägt, entscheiden Sie.
    2 STD30 MIN

    Stufe 3 · im eigenen Haus

  • Fall 02

    Eigene Altakten durchsuchen

    Heute
    Ein vergleichbarer Fall wurde schon einmal geführt, aber wann und unter welchem Aktenzeichen, weiß niemand mehr. Gesucht wird über Namen und Jahreszahlen, meist erfolglos. Die Argumentation wird neu geschrieben.
    Mit KI
    Gefragt wird nach der Sache, nicht nach dem Aktenzeichen. Die Antwort nennt die früheren Verfahren mit der damaligen Argumentation und verweist auf den Schriftsatz, aus dem sie stammt.
    NEUWIEDER

    Stufe 3 · im eigenen Haus

  • Fall 03

    Belege und Unterlagen vorsortieren

    Heute
    Der Mandant liefert einen Ordner oder einen Stapel Fotos. In der Steuerberatung werden Belege einzeln zugeordnet, in der Kanzlei Anlagen nummeriert und in ein Verzeichnis gebracht. Reine Fleißarbeit, oft von teurer Hand.
    Mit KI
    Unterlagen werden ausgelesen, nach Art und Datum sortiert und vorbenannt. Unklare Stücke werden markiert statt stillschweigend einsortiert. Die Prüfung bleibt beim Fachpersonal.
    90 MIN20 MIN

    Stufe 3 · im eigenen Haus

  • Fall 04

    Mandantenschreiben verständlich machen

    Heute
    Das Schreiben ist juristisch richtig und für den Mandanten schwer lesbar. Es folgen Rückrufe, in denen dasselbe mündlich erklärt wird. Diese Erklärung kostet mehr Zeit als das Schreiben selbst.
    Mit KI
    Zum Schreiben entsteht eine verständliche Zusammenfassung: was passiert ist, was das bedeutet, was der Mandant jetzt tun soll. Die rechtliche Fassung bleibt unverändert, die Zusammenfassung geben Sie frei.
    3 ANRUFE1 ANRUF

    Stufe 3 · im eigenen Haus

  • Fall 05

    Mandantenrundschreiben und Fachbeiträge

    Heute
    Das Rundschreiben zu einer Gesetzesänderung wäre sinnvoll, wird aber nie geschrieben, weil es nicht abrechenbar ist. Dasselbe gilt für Beiträge auf der eigenen Webseite.
    Mit KI
    Aus Ihren Stichpunkten und der Quelle entsteht ein Entwurf im Ton der Kanzlei, dazu eine Kurzfassung für die Webseite. Ohne Mandatsbezug, deshalb auf der günstigen Stufe. Fachlich geprüft und freigegeben wird in der Kanzlei.
    3 STD40 MIN

    Stufe 1 · Cloud + AV

Passende Leistungen

Baustein

Lokale und EU-gehostete KI

Für alles mit Mandatsbezug ist die Verarbeitung im eigenen Haus der Weg, bei dem sich die Frage nach der Verpflichtung des Anbieters gar nicht stellt. In der Strafverteidigung führt kein anderer Weg daran vorbei.

Mehr zur Leistung

Baustein

Wissen sichern

Das Wissen einer Kanzlei liegt in ihren Altakten und im Kopf des Seniorpartners. Beides lässt sich fragbar machen, solange beides noch da ist.

Mehr zur Leistung

Stufe 2

KI-Workshops und Schulung

Die größte Gefahr ist nicht das falsche Werkzeug, sondern ein Mitarbeiter, der eigenmächtig eines öffnet. Der Workshop klärt an echten Vorgängen, was hineindarf, und erfüllt zugleich die Kompetenzpflicht aus Artikel 4.

Mehr zur Leistung

Häufige Fragen

Zur Branche

Darf ich Mandantenunterlagen in ein KI-Werkzeug geben?

Nur mit förmlicher Verpflichtung des Anbieters oder bei Verarbeitung im eigenen Haus. Neben der Schweigepflicht aus § 203 StGB macht § 43e BRAO für Anwälte eigene Vorgaben zu Auswahl, Weisung und Kontrolle von Dienstleistern. Ein Auftragsverarbeitungsvertrag allein deckt beides nicht ab. Für Texte ohne Mandatsbezug gilt die Einschränkung nicht.

Schreibt KI mir den Schriftsatz?

Sie schreibt einen Entwurf der Teile, die sich aus der Akte ergeben: Sachverhalt, Chronologie, Zusammenfassung des Vortrags der Gegenseite. Die rechtliche Würdigung und die Strategie bleiben bei Ihnen. Wer das umdreht, bekommt Textbausteine, die plausibel klingen und im Zweifel falsch zitieren. Geprüft wird jeder Satz, der hinausgeht.

Was gilt für Steuerberater und Notare?

Dieselbe Systematik mit eigenen Vorschriften. Für Steuerberater greift § 62a Steuerberatungsgesetz, für Notare § 26a Bundesnotarordnung, für Wirtschaftsprüfer § 55a Wirtschaftsprüferordnung. Alle regeln, unter welchen Bedingungen externe Dienstleister eingebunden werden dürfen. Die praktische Folge ist überall dieselbe: eine Verpflichtung zusätzlich zum Auftragsverarbeitungsvertrag.

Ist Strafverteidigung ein Sonderfall?

Ja, gleich doppelt. Neben der Schweigepflicht kommen Daten über Straftaten nach Art. 10 DSGVO hinzu, für die besonders strenge Regeln gelten. Zugleich steht das Recht des Mandanten auf wirksame Verteidigung dahinter. In diesem Bereich rate ich ausschließlich zur Verarbeitung im eigenen Haus, unabhängig davon, was ein Anbieter zusichert.

Lohnt sich das für eine Kanzlei mit vier Anwälten?

Es hängt an der Aktenmenge, nicht an der Kopfzahl. Wer viele gleichartige Verfahren führt, etwa im Verkehrs-, Miet- oder Arbeitsrecht, gewinnt am meisten, weil sich Sachverhalte und Fristenmuster wiederholen. Bei stark individuellen Mandaten ist der Gewinn kleiner und liegt eher im Durchsuchen der eigenen Altakten.

Was ist mit Fristen? Darf KI die überwachen?

Nein, und ich baue das auch nicht. Die Fristenkontrolle ist haftungsrelevant und gehört in ein System mit klaren Zuständigkeiten und Vier-Augen-Prinzip. KI kann beim Erfassen helfen, indem sie Fristen in einem Schreiben markiert. Die Eintragung und die Verantwortung dafür bleiben in der Kanzlei.

Alle Fragen und Antworten

Ist Ihr Betrieb bereit für KI?

Sie kennen Ihren Betrieb, ich kenne die Technik. In 45 Minuten am Telefon gehen wir Ihre Abläufe durch und finden die ersten Stellen, an denen sich KI lohnt. Kostenfrei und ohne Verpflichtung.